Rede zu der Ausstellung »Schwarz«
im Haus am Lützowplatz, gehalten von Peter Rue

Warum freut sich Karin Pott, zur Ausstellung Ali Kaaf begrüßen zu dürfen, warum lässt es sich das Vorstandsmitglied des Trägerveins, Manfred Eichel, nicht nehmen, Ali Kaaf zu begrüßen und zu bejubeln? Warum spricht ein Rechtsanwalt als Dritter im Bunde über Ali Kaaf: weil uns alle drei das Eine verbindet: die Begeisterung für die Arbeit dieses Künstlers. lch bin auf ihn aufmerksam geworden, bei einem Rundgang in der HdK, als er dort noch Student war. Seine ebenso hermetische wie tiefgründige Sprache hat mich fasziniert und so ist es für mich eine schöne Gelegenheit, über das Fascinosum dieses wunderbaren Künstlers und seiner Kunst ganzkurz mit lhnen nachzudenken.

»Schwarz« – kurz und knapp, präzise und doch irritierend ist dieser Titel seiner Ausstellung. Farbenlehre lehrt uns, dass Weiß der Mangel und Schwarz die Fülle aller Farben sei. Und die Kunstbetrachter insbesondere der Kunst des 20. Jahrhunderts wissen, dass schwarz und schwarz nie identisch sind. Das „Schwarz“ von Ad Reinhardt hat nichts gemein mit den schwarzen Übermalungen von Arnulf Rainer, das schwarze Quadrat von Malewitsch ist äonenweit entfernt von dem Schwarz Frank Stellas. Und die schwarzen Bilder von Goya führen ihr frühes Eigenleben.

Ali Kaaf ist jung, 1977 geboren, er zeigt seine erste Ausstellung in Deutschland hier im Haus am Lützowplatz. Kein Künstler ist ohne seine Biografie, ohne seine „roots“, ohne seine Heimat, ohne seinen Werdegang zu verstehen, darum die kurze Skizze der vita dieses weltläufigen Orientalen.

Geboren als syrischer Staatsangehöriger 1977 in Algerien, denn dort lehrte sein Vater an der Universität, kommt er bereits 1983, als Sechsjähriger, nach Damaskus - Syrien. Mit 17 verlässt er Syrien und geht in den Libanon nach Beirut, studiert dort an der Ecole des Beaux Arts. Als 22-jähriger kehrt er zurück nach Syrien, besucht Sommerkurse in Jordanien und begegnet dort dem wunderbaren Marwan, einem Syrer wie Ali Kaaf, der seit Jahrzehnten in Berlin lebt, arbeitet, lehrt und viele wunderbare Künstler seine Schüler nennen darf, so auch unseren Ali Kaaf.

Und das ist schon spannend, wie weit seine Arbeiten von denen Marwans entfernt sind und doch: wie nah sie ihm, seinen Bildern sind.

Von Marwan haben wir gelernt, was eine Gesichtslandschaft ist, – das Gesicht, das sich im Portrait offenbahrt, verbirgt, bedeckt, ist Jahre ja vielleicht jahrzehntelang Thema im Schaffen von Marwan gewesen, – das Portrait ist auf sehr vertrackte Weise auch Thema und Grundfrage der Arbeiten von Ali Kaaf. Nur welch anderen Weg geht er, welch andere Geschichten erzählt er. Weit entfernt von der sklavische Nähe des Künstlerschülers zum Künstlerlehrer! Vielleicht ist diese Nähe, diese Themenidentität bei Ali Kaaf sogar unbewusst. Aber unverkennbar stammt sie aus dem Fundus der Fragen, die Marwan an die Kunst stellt.

Nachdem die Beiden sich in Jordanien begegnet sind, kommt Ali Kaaf an die HdK, die im Laufe seines Studiums sich zu einer UdK wandelt, – er bleibt zwei Jahre sein Schüler und wechselt die letzten beiden Jahre zu Rebecca Horn – deren wunderbare Zeichnungen bis vor kurzem im Gropius-Bau zu sehen waren. Es ist nicht leicht auszumachen, was er bei dieser großen Künstlerin und engagierten Lehrerin gelernt hat, denn sie lässt bekanntlich ihre Schülern an einer sehr langen Leine gehen. Vielleicht ist es dies: Dass jedes Kunstwerk, das diesen Namen verdient, ein Geheimnis haben muss, das nicht definitiv und endgültig ausgesagt werden darf in einem Kunstwerk. So wenig wie schwarz schwarz ist, so wenig ist ein Portrait ein Portrait, – jedes große Kunstwerk stellt Fragen und gibt die Antworten eben gerade nicht.

Am Ende seines Studiums gewinnt er den DAAD-Preis an dieser Hochschule, nimmt den Preis an, verlässt die Hochschule und zieht selbständig, also bei vollem persönlichen Risiko, seine eigene Bahn. Alsbald erlebt er die erste große Einzelausstellung in Beirut, die von dort nach Damaskus wandert in das Khan Assad Basha, jenem domähnlichen Wundergebäude aus dem 18. Jahrhundert, dessen Steine - was für eine Koinzidenz – auf die Farben schwarz und weiß beschränkt sind.

Ali Kaaf lebt – soweit die Wirren kriegerischer Auseinandersetzungen das erlauben – in Beirut und in Berlin. Es wäre zu kurz gegriffen, wenn man das kurze glückliche – aber hoffentlich noch sehr, sehr lange – Leben von Ali Kaaf betrachtet und glaubt, man habe den Schlüssel zu seinen Arbeiten in der Hand, könne aus der Vita erklären, was er – im wahren Sinn verschlüsselt – hermetisch vor uns ausbreitet.

Darf ich es anders formulieren: Kennt man Herkunft und Vita dieses jungen Künstlers, so hat man den Schlüssel zu seinem Werk in der Hand, man muss nur das Tor dazu finden und mit genauem Hinsehen dieses Tor auch öffnen, um zu verstehen und zu erfahren, was Ali Kaaf uns zu erzählen hat. Die Grundfarbe dieser Ausstellung „Schwarz“, deutet auf Verschlossenes, Hermetisches und Undurchdringliches hin. Das Tor in die Welt von Ali Kaaf kann auch ich lhnen nicht öffnen, – allenfalls durch einen kleinen Spalt in den Kunstraum von Ali Kaaf blicken und lhnen sagen, was ich da mehr erahne als sehe:

Sieht man von einem sehr schönen eindrucksvollen Video-Arbeit ab, die Sie hier sehen können und für deren Betrachten Sie sich Zeit nehmen sollten, so sind alle Arbeiten, die Sie hier sehen auf Papier, einem eigentlich eher flüchtiger Träger von Kunst. Zwei Fotografien, alles andere: bearbeitetes Papier. Transitorisches, viele, gerade die großen Arbeiten sind ungerahmt, wenn nicht dem Wetter, so doch dem Wind ausgesetzt.

Nur drei Bemerkungen erlauben Sie mir: die Videoarbeit, die Sie in einem gesonderten Raum hier sehen und zu der Sie Musik von Aryo Pärt hören können, nennt der Künstler „ras ras“. „Ras“ ist das arabische Wort für Kopf. Sie können den Körper des Künstlers, seine Schulter, seine Arme erkennen, – das Gesicht, also sein Portrait, bleibt ein Geheimnis, denn dahinein brennt er Löcher, gleichsam das Gesicht wegbrennend, um dann diesen Löchern wieder Gesichtgestalt zu geben.

AIso eine Suche nach dem eigenen Gesicht und zugleich ein Verbergen, vielleicht doch: Gesichtslandschaft, nur nicht so zerfurcht wie bei Manvan sondern eher als terra incognita – als unbekanntes (vom Krieg zerstörtes?) Land.

Die beiden Fotoarbeiten nennt Ali Kaaf „Brandspur“, – und damit öffnet sich seine Arbeit, wie schon fast alle vorangegangenen, einem entscheidenden bestimmenden Element, nämlich dem des Feuers. Er brennt Löcher in seine Arbeiten, um sie mit anderem Blatt zu hinterlegen und zu schließen, sucht, was hinter der Leere ist, die er sich durch das Loch erst schafft. Dieses Suchen hinter bereits Vorhandenem scheint mir ein Merkmal aller seiner Arbeit zu sein. Er traut der Oberfläche, dem simplen „Schwarz“ nicht, durchbricht, im Wortsinn „hinterfragt“ sie, hinterlegt sie und schafft so einen vermeintlichen oder wirklichen dreidimensionalen Raum.

Besonders eindrucksvoll die Arbeiten MIHRAB I und ll. Unter Mihrab versteht man das Tor, das in der Moschee in den nicht geöffneten und nicht jedermann zugänglichen heiligen Raum führt, immer gerichtet nach Mekka, – ein topos, den es, soweit ich sehe, in fast allen Religionen gibt: die orthodoxe Kirche kennt das Allerheiligste genau wie die katholische Kirche den Tabernakel; in der Synagoge gibt es den Schrein, der die Thora-Rolle birgt. Dieser verschlossene Raum – also das „Allerheiligste“ – heißt in den Moscheen Mihrab, und es ist ein trefflicher Titel für diese Arbeiten.

Schauen Sie sich nur die Technik bei diesen Arbeiten an, eine Technik, die wir auf anderen vermeintlich schwarzen Arbeiten Ali Kaafs wieder finden: er grundiert mit einem tiefen Schwarz seine Blätter, die er dann bearbeitet, wieder „öffnet“, bekritzelt, um das Hervorgetretene wieder mit schwarzen Farben – jedenfalls teilweise und auf sehr faszinierende Art – zuzudecken.

Ob Ali Kaaf den Betrachter ganz unbewusst eine uralte Lesekunst abverlangt, nämlich das Entziffern des Palimpsestes? Palimpsest, das kommt bekanntlich aus dem Griechischen und heißt - palim sestos - so viel wie „wieder abgeschabt“. Palimpseste sind ursprünglich durchweg auf Pergament oder Papyrus (Papierarbeiten!) geschriebene Texte, die gelöscht und wieder beschrieben wurden. Wohl um den kostbaren Papyrus zu sparen. Das Lesen dieser Palimpseste hat uns viele Geheimnisse geöffnet, Dank der Fluoreszenz-Fotografie tauchen plötzlich verschollen geglaubte Texte als Text hinter dem Text wieder ans Tageslicht. Längst hat die Sprache das Wort Palimpsest als Metapher für geistige kreative Prozesse reklamiert. Das ist die die story behind the story, der Text hinter dem Text.

Wenn Ali Kaaf seine Arbeit erst tiefschwarz grundiert, dann dem Schwarz seine Radikalität nimmt, das Blatt bekritzelt, um es dann wieder erneut in noch tieferem Schwarz wenigstens teilweise zuzudecken, so suchen wir die Schichten in diesem Bild, ahnen, finden, verstehen sie.

Meine Damen und Herren,
machen Sie sich auf die Suche nach dem Text von Ali Kaaf, den Text hinter dem Text, das Weiße im Schwarzen, das Schwarze im Schwarzen. Es ist eine aufregende Reise, die Sie antreten.

Und so bin ich glücklich und dankbar, dass ich Ali Kaaf, an diesem Ort bei seiner ersten Ausstellung in Berlin Erfolg für diese Ausstellung und Erfolg für seine Zukunft wünschen darf.

Good Luck, Ali!