Ali und das Kaaf
von Marwan Kassab Bachi

Vor einigen Jahren nahm Ali den Nachnamen Kaaf an, der, wie mir scheint, auch sein Omen ist. „Kaaf“, genauer „Qaaf“, ein Buchstabe aus dem arabischen Alphabet, der für die Vielfalt an Möglichkeiten und für Entschlusskraft steht, erwies sich als wegweisend für Alis künftiges künstlerisches Schaffen. Als Anfangsbuchstabe von Begriffen wie Schicksal (qadar), Wort (qaul) und des Optionen offenhaltenden „qad“ ist das „Qaaf“ Ausdruck für stetes Fragen und für die unermüdliche Suche nach dem künstlerischen Selbst, nach seinen Konzepten und persönlichen wie allgemein menschlichen Vorstellungen, die mittels der Kunst zu erkunden sind.

In seiner frühen künstlerischen Kindheit malte Ali den Djabal Amman, einen der sieben Hügel Ammans. Wie ein Vogel harrte er in der Kunstakademie Darat al-Funun vor dem Berg, bemüht, ihn - Gipfel, Oberfläche, Sockel, Bäume und Häuserreihen - vollständig zu erfassen. Die Vielfalt an harmonisch zusammenwirkenden, transparenten Farben, die ihm dazu dienten, zeugten von übersprudelnder Freude und großem Staunen.

Der Berg blieb Ali im Gedächtnis haften und wurde zum Sinnbild seines künftigen Schaffens. Der Berg ist jenes aufstrebende Dreieck, das eine gewisse Sehnsucht in uns weckt, das unbändige Verlangen, dem Unbekannten darin und dahinter auf die Spur zu kommen. Stolz aufragend, alles umschließend und schützend birgt er allerlei Geheimnisse und stetig viele Fragen. Für Ali ist der Berg außerdem Zeuge, Stamm, Standbein. Er ist das Verborgene und das Sichtbare, Oberfläche und zugleich tiefe Sehnsucht nach den Dingen und dem Leben. Er ist das Gedächtnis, das dem Künstler und dem Betrachter gemein ist.

Die Reise mit dem Berg setzte Ali in Berlin fort. Seine Werke begannen sichtbare Fortschritte und deutliche Spuren von Suche zu zeigen. Das anfänglich lyrische Farbenspiel war dem Bestreben nach größerer Sicherheit in der räumlichen Aufteilung und Gestaltung der Bilder gewichen. Neben der Frage nach Form und Farbe stand nun auch die nach Authentizität und Anspruch des Werkes. Ali hatte sich somit auf die Irrgänge der Suche eingelassen. Eine Suche, bei der Hoffnung und Enttäuschung, Herausforderung und Niederlage aufs engste miteinander verwoben sind. Das Ziel: irgendwann zu einem schwachen Lichtschein zu gelangen und sich dann unermüdlich weiter vorzuarbeiten bis zu der ersehnten Fensteröffnung - die eigene Handschrift, die einem ein Dasein als Künstler manifestiert.

Ali wählte den unwegsamen Pfad. Jenen Pfad, bei dem die eigene Person mit der Arbeit am Gegenstand des Kunstwerks und dessen Möglichkeiten verstrickt ist. Also musste er nach anderen Mitteln suchen, mit denen er seinem Inneren und seiner Phantasie Ausdruck verleihen konnte, nach einem Bild, das seinen Schriftzug und seine Linienführung trug. Er entdeckte für sich das Schwarz und die vielen damit verbundenen Möglichkeiten zur Reduktion, Bestätigung und Enthüllung. Er experimentierte mit Tinte, Asphalt und verschiedenen Pulvern, mit Graphit, Ruß und Harz. Bald wurde das Schwarz und die darin enthaltenen sichtbaren wie verborgenen Vertiefungen und Windungen zu Alis bevorzugtem Ausdrucksmittel auf Papier. Denn Papier ist das andere Element – jenes Element, das mit Schwarz verschmilzt. Das Papier mit all seinen Eigenschaften - Glanz, Feinheit, Widerstandsfähigkeit und Zerbrechlichkeit - wurde zum tragenden Fundament für Alis Zeichnungen. Die Zeichnungen erinnern an eine Art unsichtbare Vorhänge oder Türen, die bisweilen zugezogen oder geschlossen zu sein scheinen und sich nur feinfühligen Betrachtern bei tiefer Kontemplation und zaghafter Deutung enthüllen.

Lesen Araber die Verzierungen an den Wänden von Moscheen und Sälen oder an den Türen einfacher Leute, so bereitet es ihnen Freude und Vergnügen. Das Verstehen findet durch sinnliche Wahrnehmung und innere Offenheit statt, ohne daß es erläuternder Worte oder Vorkenntnisse bedarf. Und so sind Alis Ornamente in Schwarz Spiegel seiner Selbst und sein Mittel, sich mitzuteilen und zu geben. Nicht auf Holz, Stein oder auf Türen, sondern auf Papier, auf dessen Oberfläche Vision und Wirklichkeit zur Einheit verschmelzen.

Durch das optionale „qad“ bleibt Ali ein Suchender. Immer unterwegs zu sich Selbst auf den verschlungenen Pfaden der Kunst und bemüht, die Ausdrucksformen zu finden, die seinen persönlichen und menschlichen Vorstellungen entsprechen, ohne dabei auf überladene literarische Symbole oder überflüssige Schnörkel zurückzugreifen.

Ali hat den unwegsamen Pfad gewählt. Er hat sich in jene dunklen Tunnel begeben, in denen er vom strahlenden Schwarz zu den grenzenlosen Weiten des Lichts gelangt.

Folgendes sollten wir nicht vergessen: Ali beansprucht das optionale „qad“ für sich. Außerdem ist er ein Kind des Berges.

Berlin, Juni 2004
Aus dem Arabischen von Leila Chammaa